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Briefe aus China

Vorwort

Wenn man 20 Jahre mehr oder weniger regelmäßig nach China reist, mit Chinesen arbeitet, lebt und feiert, erlebt man dieses große Land aus einem anderen Blickwinkel, als er sich dem gemeinen Touristen auftut. Wenn dies noch in einer nordchinesischen Provinzkleinstadt von 6 Millionen Einwohnern stattfindet, erlebt man Dinge, wie sie in den weltoffenen Zentren wie Peking oder Shanghai kaum vorstellbar sind. Dabei sind es nicht die großen Abenteuer, sondern die vielen kleinen Alltäglichkeiten, die uns Europäer am und im chinesischen Leben immer wieder verblüffen, erheitern oder nachdenklich stimmen.

Die hier gezeigten Briefe sind die gesammelten Notizen von den Eindrücken aus einem Land, das uns trotz Fernsehen und Internet, trotz Flugzeug und Weltraumfahrt, doch so fremd geblieben ist in seiner Kultur und seiner Lebensweise.

Ich habe die Erlebnisse sicherlich in vielen Fällen überspitzt oder karikiert, häufig hat mich aber die Realität überholt. Trotzdem möchte ich betonen, dass ich dieses Land und seine Bewohner schätzen gelernt habe. Die ständige Auseinandersetzung mit einer völlig andern Kultur hat auch eine ganz neue Sicht der eigenen Kultur und Lebensweise bewirkt. Sollte ich auf diesen Seiten irgend jemandem zu nahe getreten sein, so möge er mir bitte verzeihen. Es ist keine Absicht und auf die Unwissenheit eines dummen Europäers zurückzuführen.

Brief 1
Ankunft

Am Sonntag bin ich gut in C. angekommen, kämpfe aber noch immer mit dem Jetlag. Inzwischen bin ich hier komplett ausgerüstet. Ich habe den Führerschein gemacht und einen Audi A4 als Dienstwagen bekommen, das macht mobil. Als Immobilie bewohne ich ein 2 Zimmer Appartment im Hotel mit Küche und Bad. Im "Wohnzimmer" steht ein DVD-Player und die ersten CD´s und DVD´s habe ich auch schon eingekauft. Die Zimmermädchen sind wie immer rührend um mich besorgt (sie kennen mich auch schon lange) und legen jeden Tag meine Wäsche zusammen. Ich muß schon wieder aufpassen, dass sie nicht auch jeden Tag gewaschen wird.

Im Hotel habe ich gestern einen Chinesen getroffen, der mir sehr bekannt vorkam. Es stellte sich heraus, dass er bei mir und einem ehemaligen Kollegen an der Uni einer unserer Studenten am Institut war. Heute arbeitet er für ein Automobilunternehmen. Die Welt ist klein und trifft sich in China.

Das Stadion gegenüber dem Hotel ist leider nicht mehr zugänglich, es soll wohl abgerissen werden, da es schon 6 Jahre alt ist. Jetzt muss ich wohl oder übel auf dem Laufband joggen.

Am letzten Wochenende war ich mit einem Kollegen in J., dass liegt etwa 100km westlich von C. und ist gut über die Autobahn zu erreichen. Dort haben wir ein paar Steinlöwen, -lampen und dergleichen mehr bestellt. Kollege S. hatte noch ein wenig Platz frei in seinem Container für die Rückreise frei.

Am nächsten Wochenende will ich mir mal die Umgebung von C. ansehen. Reisfelder gibt es hier nur wenig, dafür um so mehr Mais. Es war allerdings nicht ganz einfach, Strassenkarten zu bekommen, und es war mehr Zufall, dass ich sie im Erdgeschoß eines neuen Kaufhauses entdeckt habe. Die Genauigkeit und der Maßstab lassen allerdings zu wünschen übrig

Brief 2
Das Koreanische
Abendessen

Heute Abend wollten uns ein paar chinesische Kollegen zu einem Abendessen einladen. Es gäbe ein neues, sehr gutes koreanisches Restaurant. Also sind wir dort hingefahren, zwei Deutsche und zwei Chinesen, gefahren bin ich. Das Restaurant liegt in der Luanli Lu hieß es, und die sei gleich dort links. Ich bin also links abgebogen, abends, im Dunkeln, nach 19:30. Sind wir hier richtig ? Vielleicht, oder doch nicht... dort rechts... nein das war es nicht , wir müssen umdrehen... oder doch lieber rechts ??

Das Viertel hätte Vorlage für einen Horrorfilm abgegeben. Enge Gassen ohne Beleuchtung, tiefe Löcher in der Straße, jede Menge Menschen, dunkel gekleidet und kaum zu sehen. Die Autos haben entweder gar keine Beleuchtung oder das Fernlicht an. Dazwischen Motorrad- und Radfahrer, natürlich ohne Beleuchtung. Und immer wieder wild gewordene Taxifahrer, die hupend und schneidend ohne Rücksicht auf Verluste durch die Gassen rasen. Jetzt rechts.. Vorsicht, da kommt ein Laster.., links , neeein, das ist Einbahnstraße !! Macht nichts da müssen wir durch. Endlich, eine große Straße, die Guilin Lu. Jetzt sind wir richtig, nur noch geradeaus. Wieder ins Dunkel. Dann endlich Reklamebeleuchtung. Dort ist es. Was? dort?? Das ist ja gleich neben der großen Disco. Da hätten wir auch einfacher hinkommen können.

Also rein in das Restaurant. Wie bei koreanischen Restaurants üblich wird am Tisch gegrillt. Dazu gibt es ein großes Loch in der Tischmitte, dort wird in einen Einsatz ein Topf mit glühender Holzkohle gestellt, darauf eine gusseiserne Grillplatte. In den Tisch ist ein Ventilator eingebaut, der schnell die richtige Tempertur herbringt.

Es gibt drei Sorten Fleisch, das in zwei Finger breite Stücke geschnitten wird. Nach dem Grillen wälzt man das Fleisch in allerlei Marinaden, dann wird es zusammen mit Zutaten wie höllisch scharfem Chinakohl, Pilzen, Sojasprossen, Dofu, Soßen und anderen Sachen in Salatblätter gewickelt und mit der Hand gegessen. Sehr lecker. Und sehr ungesund, denn der Salat ist nicht gekocht aber undefinierbar gewaschen. Und wo ist der Feuerlöscher ??

Dazu gibt es erst einmal Tee. Der schmeckt, als wenn er angebrannt ist. An den Geschmack gewöhnt man sich aber schnell. Danach gibt es Bier, reichlich. Ich hoffe, ich muss nicht wieder durch die Gassen zurück. Aber mit ausreichend Bier stört das vielleicht nicht mehr so ??!!

Wie kauft man einen Anzug ?
Versuch 1 im Mai: zwei Deutsche im Stoffmarkt. Zum Schneider gehen, anmessen, mit Schneider zum Stoffhändler, Stoff kaufen (500 RMB), dann Schneider bezahlen (220 RMB). Anzug wird nach drei Tagen ins Hotel gebracht, paßt wunderbar und ist weitgehend unempfindlich gegen Umwelteinflüsse. Gesamtpreis 720 RMB.

Versuch 2 im Juli: ein deutscher mit chinesichem Kollegen. Nicht zum Schneider gehen, gleich Stoff aussuchen (400 RMB). Stoffhändler misst aus. Auf Intervention des Chinesen ist Nähen im Preis enthalten. Gesamtpreis 400 RMB (40 Euro) aus australischer Wolle. Geliefert wird nächste Woche. Passung ? Man wird sehen.

Brief 3
Autoverkehr

Es gibt aus C. so viel ungewöhnliches zu berichten, dass ich nie weiss, womit ich anfangen soll. Aber da es offenbar viele Leute gibt, die den Verkehr in C. ungewöhnlich finden, hier der Bericht zur Verkehrslage.

1. Autoverkehr in China ist anders als im Rest der Welt.
2. Autoverkehr in C. ist anders als in Shanghai und Peking
3. Der Verkehr auf Landstraßen und Autobahnen ist wieder anders.

Fangen wir mit den wichtigsten Regeln an.

1. Wer geradeaus fährt hat Vorfahrt.
2. Wer links abbiegt hat Vorfahrt vor den Geradeausfahrern.
3. Wer rechts abbiegt hat Vorfahrt, auch wenn er dabei Radfahrer und Fußgänger schneidet.
4. Wer größer ist, hat Vorfahrt.
5. Wer das größere Selbstvertrauen hat, hat Vorfahrt.
6. Wer stehen bleibt, hat verloren oder einen Unfall.

Die Regeln gelten in umgekehrter Reihenfolge. Nichteinhaltung der Regeln werden durch die Unfallstatistik belegt.

Abends wird nur bei PKW und LKW mit Licht gefahren. Aber nur wenn es unbedingt notwendig und dem Fahrer genehm ist. Fahrräder dürfen grundsätzlich nur ohne Licht gefahren werden.

Es gibt Geschwindigkeitsbeschränkungen, aber die kennt keiner. Durchgezogene oder doppelt durchgezogene Linien auf der Straße haben sehr dekorativen Charakter, mehr auch nicht. Die wichtigste Regel in der Fahrschule ist. Benzin sparen: Spätestens bei 30km/h muss der 5. Gang erreicht sein. Dies gilt allerdings nicht für Taxifahrer. Lkw verschönern die rapide Beschleunigung noch durch dichte schwarze Rußwolken, dass man meint, er brenne ab.


A. Eine gerade Straße
Straßen sind in C. entweder sehr breit (6-10 Spuren) oder sehr schmal (1,5 Spuren). Alle Strassen leiden unter dem harten Winter, im Frühjahr sind Löcher mit einem Meter Tiefe keine Seltenheit. Wehe dem, der zu schnell in so ein Hindernis fährt. Hinzu kommt, dass Gullideckel ein beliebtes Objekt für Diebe sind. Schlagen die Autos vor einem plötzlich scheinbar ohne Grund Haken, hat man wieder so eine Stelle entdeckt und kann nur hoffen, entweder sehr schnell zu fahren oder gute Reflexe zu haben (und keinen Nebenmann). Überholt wird links und rechts oder auf der Gegenfahrbahn, Spuren sind nur zur Einteilung der Straße, haben aber sonst keine Bedeutung.

Vorwiegend fährt man in der Mitte der Richtungsfahrbahn. Der Grund: von links und rechts biegen die anderen Fahrzeuge ohne zu schauen einfach ein (siehe Vorfahrtsregeln). Rechts sind zudem immer Radfahrer unterwegs. Außerdem ist eine Richtungsfahrbahn noch lange nicht auf eine Richtung beschränkt. Geisterfahrer sind keine Seltenheit und Fußgänger, Radfahrer, Eselkarren haben keine Regeln.

Überholt wird wie gesagt rechts oder links, alles was man aus dem Augenwinkeln nicht mehr sieht, ist uninteressant. Folglich wird fleißig gedrängelt und geschnitten, da kann man so richtig die Sau rauslassen.


B. Eine Ampelkreuzung
Zuerst die gute Nachricht: seit ein paar Jahren halten sich auch in C. etwa 90% aller Pkw an die Ampeln. Der Rest sind überwiegend Taxifahrer. Leider gibt es ein paar Verkehrsteilnehmer mehr als nur Pkw. Es ist ein nettes Gefühl, wenn man meint bei grün freie Fahrt zu haben, und dann kommt von der Seite plötzlich ungebremst ein 38tonner. Schlimmer ist, wenn Zweiradfahrer das gleich tun, die übersieht man noch leichter. Kavalier-Start an der Ampel ist nicht angesagt. Ampelfarben haben also mehr dekorativen Charakter. Allerdings haben die chinesischen Ampeln eine Eigenart, die auch in Europa nicht schlecht wäre - sie zeigen mit einer Leuchtschrift an, wie lang die jeweilige Ampelphase noch gültig ist. Selbst das hält einen chinesischen Autofahrer, Dreiradfahrer, Radfahrer nicht davon ab (oder ermuntert ihn geradezu) bei noch tiefrot schon mal die Kreuzung zu überqueren. Wer will denn noch 30 Sekunden warten ? Speziell an großen Kreuzungen sind die Ampeln sehr schlecht zu erkennen, sind sie doch häufig erst 30-40 m hinter der Kreuzung angebracht.


C. Ein Verkehrsstau
Was chinesische Fahrer nicht können ist warten (siehe Ampeln). Staut sich irgendwo der Verkehr, geht sofort ein Hupkonzert los. Dann wird wild gedrängelt. Sollte sich dann nichts mehr bewegen, macht man eine neue Spur auf, egal auf welcher Straßenseite. So wird aus einer vierspurigen Straße problemlos eine achtspurige. Löst sich dann der mittlere Knoten auf, stehen sich die Kontrahenten ungeschützt gegenüber. Nun kommt wieder das übliche Drängeln, Schneiden und Hupen und siehe da, der gordische Knoten ist entwirrt. Das ganze geht im Normalfall ohne Blechschaden ab.


D. Ein Unfall
Unfälle und Abbieger sind die häufigste Ursache für die Verkehrsstaus. Bei einem Unfall ist es wichtig, unbedingt stehen zu bleiben und zu schauen, ob es etwas zu sehen gibt, dadurch ist die Chance auf einen Verkehrsstau auch deutlich höher und es macht den Unfall wichtiger. Die Polizei greift nur ein, wenn Menschen zu schaden kommen. Nicht so witzig ist ein Unfall, wenn ein Europäer beteiligt ist. er ist grundsätzlich erst einmal Schuld, denn er ist ja reich. Die Polizei schließt das Verfahren erst ab, wenn alle Forderungen erfüllt sind. Das kann sich hinziehen. Da hilft nur die chinesische Methode: Bezahlung nur auf Nachweis von Quittungen, vor allem aber nicht im Voraus. Dann erledigt sich vieles von selbst.


E. Eine Landstraße
Landstraßen haben einen besonderen Charme. Sie sind inzwischen gut ausgebaut und lassen hohe Geschwindigkeiten zu. Fahrzeuge mit 160 km/h sind nicht selten. Allerdings ist die Verkehrserziehung auf dem Land etwas hinter der Verkehrsentwicklung zurückgeblieben. Die Landbevölkerung hat kein Gefühl für Geschwindigkeit und ihre Folgen und kennt auch keine Regeln. Ein Radfahrer wird also die Straße immer ohne zu schauen überqueren. Dieses Phänomen habe ich das erste Mal bei Testfahrern erlebt, die plötzlich auf freier Landstrasse eine Vollbremsung hinlegten, dass der Gurt knirschte. Die kannten ihre Radfahrer. Ähnlich verhält es sich mit Eselkarren, die die Fahrbahn in jeder beliebigen Richtung benutzen, und deren Nachfolgern, den dreirädrigen, einzylindrigen Dieseln, die schon aus 500m Entfernung zu hören sind. Beliebt sind auch Straßenbauarbeiten auf Landstrassen. Sie werden üblicherweise nicht ausgeschildert und führen im Normalfall dazu, dass der Asphalt unvermittelt in eine löchrige Schotterpiste übergeht. Wohl dem, der gute Augen und eine gute Bremse hat.

Nachtrag: Ein Kollege hat unter diesen Bedingungen 1100 km zurückgelegt. In einem Tag über 16 Stunden. Angeblich hat er viel gesehen. Wer´s mag.

Brief 4
Freizeit

Was machen eigentlich die Chinesen in der Freizeit ?

Fernsehen ? Im Winter vielleicht, aber das ist langweilig und ungesellig. Zuerst einmal telefonieren. So laut, dass das Telefon eigentlich überflüssig wird. Dazu vielleicht einmal später mehr. Danach kommt Essen. Das soll in einem nächsten Lagebericht vorbehalten sein.

Aber was kommt dann ?? Und wofür gibt es in jeder Stadt so viele Plätze (C. hat nach Pekings Tien An Men den zweitgrößten Platz der Welt). Diese beiden Fragen gehören direkt zusammen, denn die Lieblingsbeschäftigung ist, sich auf eben diesen Plätzen zu treffen, vor allem am Abend.

Und was macht man dort? Eigentlich das gleich, was man auf der ganzen Welt auf Plätzen macht, und doch anders.

Große und kleine Plätze sind in Deutschland spätestens am Abend mehr oder weniger unbelebt. In China sind es vor allem im Sommer die Orte, an denen man sich trifft zum Flanieren. Selten kommt jemand alleine und wenn doch findet er schnell jemanden, mit dem es sich lohnt ein Schwätzchen zu halten oder gemeinsam etwas zu tun. Und davon gibt es eine ganze Menge.

An schattigen Plätzchen und an Sitzgruppen treffen sich die Spieler. Kartenspiele, Schach (das chinesische) und Mah Jong sind die beliebtesten Spiele. Hin und wieder sieht man auch zwei Partner beim Go. Es geht im Normalfall um nichts aber es wird trotzdem mit viel Emotionen gespielt. Die Karten werden laut klatschend auf den Tisch geworfen, das klappern der Mah Jong Steine kann man schon von weit her hören. Begleitet wird das ganze von den vielen lautstarken Diskussionen der Teilnehmer und der vielen Zuschauer.

Wenn man irgendwo eine große Menschentraube sieht, sind normalerweise Musiker am Werk. Klassische chinesische Musik wird gespielt und gesungen, und die vielen begeisterten Zuschauer zeigen, dass es hierfür noch immer eine große Anhängerschaft gibt. Singen können die Chinesen wirklich sehr gut. Es passiert nicht selten, das ein Sänger eine Strophe vorsingt, ein Zuschauer vortritt und die zweite Strophe übernimmt. Gesungen wird laut und mit Inbrunst. Ein andächtig lauschender Lao Wei (= Ausländer, Europäer) ist eh er sich versieht zum Ehrengast erkoren und darf die Vorstellung in der ersten Sitzreihe am Boden mitgenießen. Wenn es ihm gefällt sind auch die Chinesen zufrieden.

An vielen Stellen gibt es Möglichkeiten zur körperlichen Ertüchtigung. Turngeräte vor allem, inzwischen aber auch Rollschuh oder Skaterbahnen. Speziell beim Skaten sieht man wieder die alten Strukturen: Ein Lehrer, der Meisterlich seine Sportart beherrscht und schon durch seine Ausrüstung zeigt, wer er ist, und eine Schaar von Jüngern, die seinen Ausführungen andächtig lauschen und jede seiner Bewefgungen gespannt verfolgen und nachzumachen versuchen.

Und dann ist da noch das Tanzen. Getanzt wird abends, immer und überall. Mal sind es Männer und Frauen, die einen Gemeinschaftstanz probieren, mal sind es nur Frauen, die Chigong oder Schwerttanz üben. Die Musik dazu kommt nur selten aus der Konserve. Meist finden sich ein paar Musikanten (selten Frauen), die die notwendige musikalische Untermalung bereitstellen. In der Nähe von Wohnsiedlungen kommen nicht selten mehr als 200 Leute zum Tanz zusammen. Dafür zieht man passende Kleidung an, glänzende Seidenanzüge oder Trachten.

Das erstaunlichste für uns Europäer auf solchen Plätzen aber ist, der Gemeinschaftssinn der hier auf solchen Plätzen herrscht. Jeder ist in jeder Gruppe herzlich willkommen, wird neugierig beäugt und ist als Schüler oder Lehrer gerne gesehen. Auch Ausländer werden lachend und kichernd in die Reihen mit aufgenommen und schnell wird der Versuch gemacht, das Spiel oder den Tanz zu erklären oder mehr über den seltenen Gast zu erfahren. Wenn die Sprachkenntnisse nicht ausreichen, kommt die Zeichensprache zur Hilfe. Als Ausländer muss man dabei aufpassen, dass nicht der Vortragende plötzlich alleine dasteht und keine Zuhörer mehr hat.

Allerdings sieht man speziell beim Tanzen und Singen überwiegend ältere Leute. Es steht zu befürchten, dass diese schöne Sitte bald dem Fortschritt von Fernsehen, Karaokee und ähnlichem zum Opfer fällt.

Brief 5
Essen

Ein Essen in C., was ist das ? Die Chinesen in C. behaupten, dass man in dieser Stadt ein Jahr lang jeden Abend im Restaurant essen kann, ohne dass sich das Essen wiederholt. Ich würde nicht dagegen wetten. Ich habe noch keine Stadt gesehen mit einer solchen Dichte an Restaurants. Als Ingenieur gehe ich die Sachen alle systematisch an, daher hier der Versuch einer Einstufung. Die Essenspreise beziehen sich auf eine satte Mahlzeit für eine Person incl. einem Bier (0,65l)(Stand 2005).


Zuerst nach Qualitativer Einstufung:

-Straßenrestaurants
sind üblicherweise draussen (auch im Winter bei -20°) und bestehen aus ein paar kleinen Tischen mit Hockern und einem Holzkohlegrill. Gegrillt wird Fleisch, Huhn (vornehmlich der Kopf) und Innereien. Das Ganze ist appetitlich aufgespießt auf Fahrradspeichen (da billig, unverwüstlich und leicht zu reinigen). Gegessen wird aus der Hand. Preis: ca. 1 Euro.

- Bürgerliche Restaurants
meistens kleine Restaurants im Erdgeschoss von Mietshäusern. Es gibt typisch nordchinesische Küche von dem, was gerade im Garten oder auf dem Großmarkt billig verfügbar ist. Meist familiär geführt und sehr lecker, aber immer etwas schmuddelig. Man sollte die Gläser vorreinigen und nicht aufs Klo gehen. Der Blick in die Küche ist entgegen anderslautender Meldungen durchaus erlaubt, nicht immer jedoch der Blick auf die schimmelnden Wände im Lokal. Gegessen wird mit Einmalstäbchen aus Holz. Preis: ca. 1-2 Euro.

- Business-Restaurant
Vielbesuchte mittlere und große Restaurants, die viel Zulauf haben, aber noch immer eine preiswerte Küche bieten. Inzwischen sind diese Restaurants recht sauber (zumindest vor dem Essen), schnell und effektiv. Hier kann man üblicherweise nahezu die gesamte nordchinesische Speisekarte bekommen. Die Einrichtung ist jedoch einfach und praktisch, ohne großen Firlefanz. Gegessen wird mit Einmalstäbchen aus Holz. Preis 2-3 Euro.

- Gehobenes Business Restaurant
wie oben, jedoch mit einer wesentlich besseren Ausstattung. Hier werden schon gute Gläser auf den Tisch gestellt, das Personal legt dem Gast die Serviette auf den Schoß und kümmert sich intensiv um das wohl der Gäste. Auf drei Gäste kommt eine Bedienung. Jeder Raum hat eine Klimaanlage, die ordentlich Lärm produziert. Diese Restaurants können sehr groß sein, 400 m² Grundfläche ist normal und nicht selten haben sie 4 oder mehr Etagen. Gegessen wird mit Stäbchen aus Holz oder Kunststoff. Preis 3-10 Euro.

- Luxus-Restaurants
Die guten Hotels, aber auch einige private Unternehmer unterhalten Luxusrestaurants. Alleine die Ausstattung lässt jeden Europäer vor Neid erblassen. Gediegene Möbel, meist glatt und schlicht gehalten und fast japanisch anmutend, exklusive Dekoration, häufig viel Gold. Dazu Porzellanteller mit verzierten Goldrändern, Kristall-Gläser, ebenfalls mit Goldrand passend zu den Tellern. Dazu werden schwarze oder weiße Stäbchen mit goldenen Köpfen auf Porzellanhaltern gestellt. Die Servietten sind aus Stoff und vor und nach dem Essen gibt es heiße Waschlappen zum Reinigen. In diesen Restaurants bekommt man auch Französische Weine und Spirituosen aus aller Welt. Da kann eine Flasche Wein schon mal 3000 Euro kosten. Preis pro Essen: 20-500 Euro, mehr ist jederzeit möglich.


Als zweites nach der Art des Essens:

- heimische Küche. Ähnelt sehr dem, was wir in Deutschland unter chinesischer Küche kennen, nur viel leckerer.

- Landrestaurant. wie oben, jedoch deftigere Küche.

- Sechuan. wie oben, jedoch südchinesische und sehr scharfe Küche

- Jiau Zhi Restaurant. Spezialitätenrestaurant, das Nudeltaschen in allen möglichen Varianten anbietet. Sie werden gefüllt, gefaltet und gekocht von vielen fleißigen Händen und gekocht oder gebraten serviert. Die Füllung besteht aus allem was der Garten und der Zoo hergibt. Manchmal kann man sogar an der Faltung sehen, was innen enthalten ist. Dann wird das Essen zur Zeremonie. Der Gast taucht die Nudeln dann in eine Soße aus Soja, Senf, Knoblauch und einem Spritzer Essig. Eine Delikatesse.

- Peking Ente. Das Fleisch und die Haut einer Ente wird mit scharfem Messer scheibenweise abgeschnitten bis nur noch Knochen übrigbleibt. Der Rest der Ente kommt in die Suppe. Das Fleisch wird auf einem Teller serviert. Dazu gibt es eine Art dünnen Pfannkuchen, Handtellergroß, Lauch, Knoblauch und eine schwarze Soße. Man lege sich einen Pfannkuchen auf die linke Hand, fülle Fleisch, Lauch und Soße darüber und rolle das ganze ein. Das untere Ende der Rolle wird umgeknickt. Spitzname: Entendöner.

- Fischrestaurant. Alle Sorten Fisch und Meerestiere. Je nach Fischart kann hier ein Essen schon mal 300 Euro kosten.

- Hot Pot. Ein großer Topf wird auf einer Gasflamme am Tisch erhitzt. Im Topf sind normalerweise zwei Abteilungen, eine scharfe und eine normale oder eine Fischabteilung. In diesen Topf wirft man nun alle Zutaten und fischt sie mit Löffeln wieder heraus. Gegessen wird dabei alles was es in der Küche sonst auch gibt. Sehr lecker.

- Nudelrestaurant

- Koreanisch. Im Tisch ist ein Grill eingelassen auf dem die Kellnerin gut gewürztes Fleisch grillt. Dazu gibt es viel Gemüse, eingelegten Knoblauch und Soßen. In einigen diese Restaurants wird auch Hund serviert.

- Brasilianisches Restaurant. Buffet mit allem was das Herz begehrt. Dazu kommt alle zwei Minuten ein Kellner mit einem Fleischspieß an den Tisch und schneidet so viel ab, wie man mag. er hört erst dann auf, wenn man eine rote Karte auf den Tisch legt. Für 3 Euro Essen bis zum Umfallen.

- Pizza Wie zu Hause.

Brief 6
Friseur

Wohin geht man in China zum Friseur?

1.Auf der Brücke über die Eisenbahn an der Straße auf dem Gehsteig
Ist für die Chinesen immer ein riesiges Ereignis, einen Laowei beim öffentlichen Haareschneiden zu sehen. Aber da ich auf das Ergebnis angewiesen bin, verzichte ich auf das Abenteuer.

2. Beim Friseur um die Ecke
Nicht schlecht und billig, aber das Ergebnis ist auch nicht immer so, wie man es erwartet. Meist hat der Haarschneider so viel Angst, etwas verkehrt zu machen, dass er kaum etwas abschneidet. Verständigung ist schlecht.

3. Friseur im Hotel
Bleibt also nur diese Möglichkeit, die Verständigungsmöglichkeit ist aber auch nicht viel besser.

Wenn man in den Frisiersalon reinkommt ist die erste Überraschung die Menge des Personals. Auf jeden Kunden kommen mindestens 3 Angestellte.
Frage Nr. 1: "Cut ?"
Ja, natürlich, Haare schneiden.
Frage Nr. 2: "Massasch ?"
Was, Massage, ist das hier etwas unanständiges ? Aber warum nicht mal ausprobieren. Also "dui" (ja).

Daraufhin wird mir eine rothaarige Chinesin zugeteilt, die mir bis kurz über den Gürtel reicht. Der Sessel, den sie mir anbietet, ist allerdings so niedrig, dass der Größenunterschied locker ausgeglichen wird.

Nun folgt das Haarewaschen. Waschen ? Es gibt doch gar kein Wasser. Was folgt ist weniger ein Waschen als ein systematisches Einschäumen mit einer Flüssigkeit aus einer großen Plastikflasche. Bei dem vielen Schaum vermute ich Spüli oder ähnliches dahinter. Dieser Schaum wird in einer Prozedur von etwa 15 Minuten in die Haare einmassiert. Ein bisschen Öl muss auch drin sein, denn die Kopfhaut ist hinterher sehr geschmeidig. Aber wie bekommt man den Schaum jetzt aus dem Haar wieder raus?

Beim Frisör um die Ecke gab es dazu ein Fass, über das man sich beugen musste, und die freundliche Frisöse schüttete Wasser aus dem Kanister darüber. Wasser gab es nur im Hof. Im Hotel ist es doch deutlich komfortabler. In einer Ecke gibt es zwei sehr bequeme Liegen, an die am Kopfende ein Waschbecken, sogar mit fließendem Wasser angeschlossen ist. Sollte man in Deutschland auch einführen, ist sehr bequem.

Nun wird man wieder in den kleinen Sessel dirigiert. Die rothaarige Chinesin drückt meinen Kopf an ihre Brust und beginnt mit der Kopfmassage. So kann man es aushalten. Ich mache die Augen zu und genieße. Zumindest so lange bis sie anfängt, meinen Nacken zu massieren. Die Kleine hat verdammt viel Kraft und ich morgen bestimmt einen blauen Nacken. Dann sind die Arme und die Hände dran. Sehr angenehm und entspannend. Nach einer halben Stunde ist die Wohltat zu Ende. Dann heißt es Haare schneiden.

Das macht bei einem Laowei nur der Chef persönlich. Zwangsläufig. Die anderen trauen sich nicht. Aber der Chef hat Routine, fragt mit den Fingern, wie viel er abschneiden soll und beginnt mit dem Schneiden. Zwischendurch wird immer wieder die Brille gereicht, damit ich das Werk begutachten kann (und er sicher ist, nichts falsch zu machen). Dann sind noch Ohren, Augenbrauen und Bart dran. Alles im Service inbegriffen. Meine Haare in der Nase hat er nicht gesehen, sonst wären die auch weg.

Nun kommt der spannende Moment mit dem Spiegel. Oh Wunder, das Werk ist gelungen. Die Haare sind kurz, aber nicht zu kurz und sitzen perfekt. Nur über den Ohren hätte es etwas länger bleiben dürfen. Aber das wächst ja nach.

Und der Preis des einstündigen Vergnügens ? 40 RMB oder 4 Euro. Um die Ecke wäre es etwas teurer gewesen, aber dafür gibt es Ganzkörpermassage (angezogen wohlgemerkt) und das Ganze dauert bis zu zweieinhalb Stunden.

Brief 7
Wieder Essen

Nachdem wir gestern wieder ein größeres Gelage hatten, bietet es sich an, den Teil zwei zum Thema Essen zu erstellen, soweit der dicke Kopf das heute morgen zulässt.

Was ist denn das besondere am chinesischen Essen, dass es sich lohnt, davon so viel zu schreiben? Über die Vielfalt des Essens und der Restaurants habe ich schon berichtet. Die zweite Besonderheit liegt in der Art des Essens: Man kann ein chinesisches Essen praktisch nicht alleine zu sich nehmen, selbst für 2 oder drei Personen ist ein Essen ist die chinesische Küche nicht gut gerüstet. Das liegt vor allem daran, dass nicht jeder einen Teller mit gleichen Speisen vorgesetzt bekommt, sondern dass die einzelnen Gerichte wie einzelne Gänge aber sehr kurz hintereinander auf den Tisch gestellt werden.

Zu einem großen Essen gehört dazu ein runder Tisch mit einer Glasscheibe, die am Tischrand gerade so viel Platz lässt, dass Teller, Suppenschüssel und Stäbchen Platz haben. Die Glasscheibe ist auf einem Kugellagerring drehbar gelagert. Stellt man die Speisen jetzt auf die Glasscheibe, kann man sie belibig zu jedem Gast bewegen. Das gleiche passiert mit den Getränken und sonstigen Zutaten. Jeder isst mit seinen Stäbchen von jedem Gericht. Üblicherweise wird die Anzahl der Gerichte nach der Anzahl der Teilnehmer gerechnet. Je Teilnehmer ein Gericht + 10% Zuschlag. Bei grossen Essen gibt es zudem noch vorab einige köstliche Kleinigkeiten als Vorspeise, wie heiße Cashew Nüsse oder scharfen eingelegten Chinakohl, oder Knoblauch (roh und ganz) oder, oder, oder. Und zum Schluß meist Früchte. Was bei einem guten Essen nicht serviert wird, ist Reis. Wenn doch, sollte man ihn tunlichst stehen lassen. Rührt man ihn an, heißt das, es hat nicht geschmeckt oder man ist nicht satt geworden. Speziell das Problem nicht satt zu werden hat man aber im Allgemeinen nicht. Zum einen wird immer weit mehr bestellt, wie man essen kann, zum anderen kann man ja jederzeit ein kleines Gericht nachbestellen.

Auf diese Art und Weise ist ein chinesisches Essen immer eine gesellige Angelegenheit. Selten sieht man weniger als vier Leute an einem Tisch sitzen. Essen werden genutzt, um die Soziale Kommunikation in jeder Richtung zu pflegen: innerhalb der Familie, zu Freunden und Verwandten, zu Geschäftsfreunden, zu wichtigen Personen, einfach für alles. Die Ablehnung der häufigen Geschäftsessen kommt einem Ausschluss aus der Gemeinschaft gleich und führt innerhalb kürzester Zeit zur Isolation. Umgekehrt kann man aber über solche Essen selbst schwierigste Probleme oft problemlos aus der Welt schaffen. Gerade nach sehr heftigen Diskussionen bei Vertragsverhandlungen können die ganzen aufgestauten Aggressionen bei einem lockeren Abendessen wieder abgebaut werden und einige unlösbare Probleme sind plötzlich gar nicht mehr so eine große Hürde.

Allerdings sollte man bei solchen Anlässen auch recht standfest sein. Denn neben reichlich Essen gibt es meist auch reichlich Alkohol. Meist Bier, neuerdings auch einen gar nicht so schlechten chinesischen Wein, aber fast immer den unsäglichen Mao Tai (über 50%) oder Beijou (was schlicht Schnaps heißt) mit 40 - 60% Alkoholgehalt. Bei Essen zwischen Chinesen ist es immer ein Wettbewerb, wer am meisten davon verträgt, deshalb wird er in kleinen Wassergläsern ausgeschenkt. Das Ergebnis ist entsprechend verheerend. Erst vor kurzem habe ich einem solchen Gelage zugeschaut. 8 Männer an einem Tisch, die sich gegenseitig so lange zuprosteten, bis der erste einschlief. Das ganze fand mittags bei 36°C im Schatten statt. Anschließen stiegen alle in einen Minibus und fuhren davon mit Blaulicht und Sirene - es war ein Streifenwagen.

Nehmen Europäer am Essen teil, geht es meist etwas gesitteter zu, weil die Gläser kleiner sind. Das macht es für die Ausländer aber nicht ungefährlicher, denn zur Form der Geselligkeit gehört das Zuprosten. Ein Chinese erhebt sich, sagt sein Trinksprüchlein auf und prostet einem Gast zu. Die beiden müssen dann ihr Glas bis zum Grund leeren, egal ob Bier, Wein oder Schnaps. Zwar vertragen die Europäer meist deutlich mehr, aber bei dem üblichen Kräfteverhältnis von 2 bis 10 zu eins für die Chinesen ist der Gast auch erheblich mehr gefordert. Kneifen gilt als unhöflich, deshalb muss man nicht selten gute Miene zum bösen Spiel machen. Oder den Spieß umdrehen. Denn der Chef der Chinesen möchte natürlich immer die Kontrolle über sich und das Geschehen wahren. Wenn sich jetzt die Europäer zusammenrotten und nacheinander dem Chef zuprosten, ist der Spuk meist sehr schnell vorbei, vorausgesetzt man hat nicht einen der seltenen standfesten Exemplare erwischt, die durch nichts und niemanden unter den Tisch zu kriegen sind.

So gesellig es zugeht, so leger ist es auch. Krawatten und Anzugjacken sind am Tisch auch bei vornehmen Essen verpönt. Üblicherweise kommt man in Jeans und TShirt. Die chinesischen Männer krempeln dazu an heißen Tagen das Shirt oder das Hemd noch bis zur Brust hoch, so dass sie mit nacktem Bauch vor dem Tisch sitzen. Man sollte auch tunlichst nicht die beste Hose anziehen, denn es wird gekleckert und mit Soße und Getränken gespritzt, dass auch eine Serviette nicht mehr helfen kann. Nach einem guten Essen muß der Tisch aussehen wie ein Schlachtfeld, sonst war es nicht gut. Ungewohnt für uns Europäer ist auch, dass zum Essen hemmungslos geschmatzt und geschlürft wird. Auch Rülpsen und Furzen stört niemanden. Aber wehe dem Lao Wei, der es wagt, sich laut zu schneuzen, weil das Essen scharf war oder er gerade eine Erkältung hat. Dann werden alle Chinesen distinguiert auf ihn schauen. So etwas gehört sich nicht.

Wenn es ganz besonders lustig ist in einer Runde, vor allem dann, wenn das Essen in einem der vielen Separees in den Restaurants stattfindet, fängt auch mit Sicherheit ein Mitstreiter an zu singen. Fast alle Separees sind mit Karaokee-Anlagen einschließlich Großbild-Fernseher ausgestattet, so dass alle hemmungslos mitsingen können. Dabei können sich Europäer aber im allgemeinen nur blamieren, denn die Chinesen sind excellente Sänger und Sängerinnen und haben meist auch noch ein recht großes Repertoir. Dazu gehören alte chinesische Lieder genauso wie moderne Schlager. Ohne Gesang dauert ein Essen üblicherweise zwischen zwei und drei Stunden, mit Gesang kann es sich bis tief in die Nacht ziehen und die Ausfallrate am nächsten Tag im Dienst ist recht hoch.

Nach dem Essen gestern war es drei Uhr morgens, aber heut ist zum Glück Sonntag.

Brief 8
Besuch vom Sohn

Am Samstag kam nach 10 Stunden Flug und 4 Stunden Wartezeit ein fröhlicher Sohn gut ausgeschlafen am Flughafen in Peking an. Der vorsorglich informierte und zufällig parallel in einem anderen Flugzeug sitzende Kollege musste nicht eingreifen. Im Gegenteil: Während der Sohn die Formalitäten schnell überwunden hatte, blieb der Kollege im Gewühl von 6 ankommenden Jumbo-Jets hängen. Außerdem war auch noch sein Weiterflug gestrichen. Gut, dass wir in Peking bleiben wollten.

Auch wenn es am Samstag noch etwas dunstig in Peking war, hatten wir allgemein bestes Wetter und Temperaturen um 20 Grad.Also nichts wie ins Hotel, Koffer verstauen und ab ins Gewühl. Um die Müdigkeit vom Flug im Keim zu ersticken war gleich echtes Chinafeeling angesagt : Einkaufen auf dem Seidenmarkt. Dort ist es für die Händler bereits unter ihrer Ehre, NICHT über den Preis zu verhandeln, sodass bei einem T-Shirt locker 130 Renminbi ( 13 Euro ) zwischen "Orginal"Preis und gezahltem Preis liegen können. Bei Papa's Hemden war die Einstandsforderung 780 Rmb, Verkaufspreis 60 Rmb. Der Markt ist jedoch nicht für Menschen mit Platzangst zu empfehlen, in den schmalen Gassen zwischen den Ständen ist stets dichtes Gedränge und von allen Seiten ziehen und rufen Händler, um auf ihre Wahre aufmerksam zu machen. Zwar ist es sehr praktisch, fast immer ein bis zwei Köpfe größer zu sein als die Menschenmasse, jedoch ist man auch immer als "Lao Wei" zu erkennen und damit Hauptziel von Händlern und Bettlern. Bei diesen ist von Berührungsangst keine Spur : Wenn es sein muss wird man eben zum "richtigen" Stand gezogen. Trotzdem ist der Seidenmarkt ein Erlebnis. Erster Eindruck unserem Sohn: Es ist eng und man muss heftig handeln.

Dort trafen wir dann auch auf die Kollegen, mit denen ich abends ein Abendessen verabredet hatte. Das fand dann in einem typisch altchinesisch eingerichteten Restaurant statt. Fazit: Essen in Peking ist gut, aber teuer.

Nach dem Essen geht es zu Schindlers Tankstelle, der Stammkneipe der Botschaftsangehörigen, aber auch der Kollegen aus Peking, wie zwei große deutsche Autos vor der Tür belegten. Tatsächlich saßen drinnen etwa 20 Kollegen beim Feiern. Freund R., mit dem wir erst am nächsten Tag verabredet waren, war auch dabei. Nach einigen Runden ging es dann ab ins Bett im Hotel in ein sehr gutes Zimmer.

Am nächsten Tag haben wir dann Pflaster getreten: Vom Hotel zum Platz des Himmlischen Friedens (Tian An Men), durch die Verbotene Stadt zum Bei Hei Park. Mit dem Taxi zum Sommerpalast, Rundgang dort. Essen in einer winzigen chinesischen Kaschemme (Hardcore-Essen sagt E. dazu). Das Wetter war inzwischen von Regen wieder auf Sonnenschein und 20 Grad umgeschwenkt.

Am Abend waren wir dann zum Essen mit R., es gab Pekingente in einem sehr alten, echten Pekingenten-Restaurant. Sehr gut und sehr teuer. R. lieh uns freundlicherweise für 2 Tage ein Auto und gab uns eine lange Erklärung, wo wir lang fahren müssten (Karten sind in China mehr eine vage Beschreibung der Strecke). Der anschließende Besuch im Hard Rock Cafe war eher enttäuschend. Die Band spielte am Sonntag nicht und es herrschte gähnende Leere. Trotzdem war es zwölf, bis wir im Bett waren.

Am nächsten Tag sind wir dann der Beschreibung folgend in die Berge um Peking gefahren. Ohne uns zu verfahren, haben wir die 50 km bis Mu Tian Yu gefunden. Bei schönstem Herbstwetter ging es mit der Seilbahn auf die Mauer, etwa einen Kilometer darauf entlang und dann mit einer Sommerrodelbahn wieder ins Tal. Ein echtes Erlebnis.

Anschließend wollten wir zu den Ming Gräbern fahren. Aber die Berge mit ihrem Herbstlaub waren viel schöner, also haben wir einen Ausflug tief in die Pekinger Berge unternommen, insgesamt mehr als 250 km. Malte machte sich als Kartenleser ausgezeichnet, er merkt sich mit einem Blick chinesische Zeichen und findet in der Karte die Orte wieder. Wir haben uns nur einmal verfahren, als ich unbedingt eine Bergstraße hochfahren wollte, die dann in einem schmalen Weg an einer Baustelle endete. Wir sind dann ohne Probleme nach Peking zurückgekommen, gerade rechtzeitig vor der Dunkelheit. Das war auch für mich ein Erlebnis. Am Abend waren wir dann in einem alten Restaurant zum Essen. Leider hatten die nicht angeschrieben, dass es sich um Szechuan Küche handelt. Am Nachbartisch wurde ein Fisch gebracht. Man sah Kopf und Schwanz, der Rest war Chilli.Unser Essen sah ähnlich aus, wir hätten beide einen Feuerlöscher gebrauchen können. Geschmack ? Keine Ahnung.

Am nächsten Tag war dann noch der Himmelstempel angesagt und ein Besuch im Perlenmarkt mit anschließendem Bummel durch ein Hu Tong, ein typisches Pekinger Altstadtviertel. Nachdem wir das Auto wieder abgegeben hatten ging es um 17:30 Uhr mit dem Flugzeug nach C. und zu einem weiteren "Hardcore Essen".

Am Mittwoch begann für den Sohn das Arbeitsleben. 6:30 Uhr aufstehen, den ganzen Tag Informationsrunden und Terminchaos und viele viele Eindrücke vom Leid und Plagen eines deutschen Arbeiters in China. Abends hatte ich zu einem Essen zu seinem Geburtstag eingeladen. Es kamen 16 Personen und es war sehr lustig. Ich hoffe, er kann all die Geschenke mitkriegen. Das Essen Endetet in einer lustigen Runde mit dem chinesischen Kollegen, Herrn W., der nach dem Essen immer noch "ein Bier" trinken will. Es endete um 23:30 Uhr nach diversen Bieren zusätzlich zu denen beim Essen. Wieder eine neue Erfahrung für unseren Sohn, wie man solche Kontakte pflegt bzw pflegen muss.

Heute und Morgen folgen dann Teil 2 und 3 des Arbeitslebens und ein Abendessen mit Familie P. Ich schätze, unser Sohn hat viel zu erzählen wenn er zurück kommt..